Ich wär‘ so gerne…

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Die Kinder sind groß. So groß, dass sie sich Gedanken über ihre berufliche Zukunft machen. Wo liegen meine Stärken, meine Schwächen? Will ich für Ordnung sorgen, mit Menschen arbeiten, meinen Körper einsetzen oder forschen? Beraten, reparieren, präsentieren, intervenieren, modelieren, fantasieren? Die Kinder malen sich ein Zukunftsszenario und wir hören im Idealfall zu, fragen nach und sind offen für deren Ideen und Wünschen.

An der Schule meiner Tochter wird  in der 11. Jahrgangsstufe eine 5-tägige Berufs- und Studienorientierungsreise durch geführt, welche viele junge Erwachsene mit einem klareren Bild von sich selbst und ihren Berufswünschen hervorbringt.

Und ein bisschen ist man da doch neidisch, oder geht das nur mir so?

Als ich vor ca. 27 Jahre bei der Berufsberatung saß und dem Berater verkündete, ich wolle Schauspielerin oder vielleicht auch Schriftstellerin werden, ich sei da noch nicht so ganz sicher, da lächelte dieser milde und zog fröhlich sein festgezurrtes Programm durch. Sein Programm bestand selbstverständlich darin, mich von meinen „verrückten“ Gedanken abzubringen. Es wurde der Eignungstest herangezogen. Da stehe, ich wolle kreativ und handwerklich arbeiten und als Vorschlag herausgekommen sei der Beruf des Kürschners. Ich fragte den Herrn, ob ich irgendwo angekreuzt hatte, dass ich es mag, toten Tieren das Fell über die Ohren zu ziehen und daraus Klamotten zu schneidern. Geht’s noch?! Man, war ich sauer. Meine Mutter wollte die Situation dann retten und sagte, ich würde ja sehr gerne und unglaublich kreativ Geschenke verpacken. Da habe ich sie entgeistert angestarrt und meinte nur, ob ich jetzt bei Douglas anfangen solle – die haben damals schon immer so schön die Geschenke verpackt.

Ach man, mit den ganzen Jahren Abstand und selber Mama verstehe ich sie schon ein bisschen. Händeringend hat sie mit dem Herrn versucht meine Passion zu entdecken und mir einen guten Ausbildungsberuf zu besorgen, damit meine Zukunft gesichert ist. Aber warum hat denn keiner auf mich gehört? Ich hatte es doch ganz klar formuliert, was ich wollte. Pop-Star fand ich auch stark, aber habe ich wirklich eingesehen, dass das nicht geht, weil ich kein Instrument spielen konnte und auch keine Noten lesen…

Vielen jungen Menschen meiner Generation erging es damals wir mir. Diese Menschen, die nun zwischen Mitte 30 und Ende 40 mit beiden Beinen fest im Leben stehen, aber nicht so wirklich „lieben“ was sie da tagtäglich tun. Und damit wird der Beruf zur Anstrengung, die er gar nicht sein sollte oder sein darf. Wir leben unser Leben nur einmal.

Seit 2014 begleite ich Oberstufenschüler der Hansestadt Hamburg in der 10. Klasse in einem einwöchigen Seminar bei ihrer Bildungsreise. Es ist eine sehr erfüllende und wertschätzende Arbeit, die ich da tun darf. Und es geht nicht nur darum, herauszufinden „was?“ man jetzt studieren soll oder worin man eine Ausbildung machen könnte. Vielmehr geht es darum, sich selbst besser kennenzulernen.

Und ich höre den Kids zu, die in meine Workshops kommen. Wir finden gemeinsam heraus, was genau an den Wunschberufen sie so sehr fasziniert (und es sind oft immer noch Feuerwehrmann:frau, Schauspieler:in, Musiker:in, …) Wir finden andere Berufe, die ähnlich sind und vergleichen sie miteinander. Wir planen gemeinsam die ersten Etappenziele auf dem Weg zum großen Ziel.

Mach‘ Dir das zum Beruf, was Du wirklich liebst und Du wirst in Deinem weiteren Leben nie arbeiten müssen.

Utopisch, weichgespült, aber auch wahr! Und wer sagt denn, dass man nur in jungen Jahren zur Berufsberatung gehen kann. Warum nicht auch mal, statt einer Sportmassage, eine Berufs- und Studienorientierung machen? Es ist nämlich nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können…